Ich erzähle einfach mal unsere Geschichte, wie wir mit Homeschooling in Kontakt gekommen sind. Alles fing mit unserer großen Tochter an, die vor 10 Jahren geboren wurde. Wir haben uns im Vorfeld vielen Themen gewidmet, Attachment Parenting, Stillen nach Bedarf und Familienbett. Die ersten drei Jahre mit Marit waren sehr intensiv, sie war und ist immer noch hochsensibel, was sich damals unter anderem in abendlichen Schreianfällen, Unwohlsein bei Lautstärke und Trubel  bemerkbar machte. Anstelle sie dafür zu verurteilen und den Fehler bei ihr zu suchen, haben wir uns darauf eingelassen sie zu verstehen und gemerkt, dass sie einen eigenen Rhythmus und ihre Geschwindigkeit hat.

Marit weiß ganz genau, was gut für sie ist und was sie will, da steht sie zu 100% dahinter. Zum damaligen Zeitpunkt war Kindergarten kein Thema für sie, wir haben uns als Eltern dann darauf eingelassen und für uns war es der einzig richtige Weg unsere Tochter nicht zum Kindergarten zu zwingen. Wir dachten einfach, vielleicht braucht sie noch etwas Zeit… ohne ein bestimmtes Zeitfenster im Kopf zu haben. So entwickelte sich dieser Weg für uns. 

Durch Marits Bedürfnisse sind wir immer mehr zum Homeschooling gekommen und haben damit unsere Sicht und Einstellung zum Lernen & Schule geändert. Wir haben viel gelesen, waren bei offenen Abenden mit Jesper Juul & Andre Stern zum Thema: Kindliche Entwicklung oder natürliches Lernen, für uns haben sich dadurch ganz neue Wege und Perspektiven aufgetan.

Als das Einschulungsjahr von Marit immer näher rückte, war uns klar, dass wir den schulischen Weg, wie er in Deutschland Pflicht ist, nicht gehen wollten, weil er für unsere Tochter einfach nicht passte und inzwischen für uns auch nicht mehr. Vor 4 1/2 Jahren haben wir unsere Wohnung gekündigt, haben uns aus Deutschland abgemeldet und sind mit einem Camper für eineinhalb Jahre durch Europa gereist. Es war eine sehr schöne und intensive Zeit für uns alle. Nach eineinhalb Jahren im Camper sind wir dann nach Österreich gezogen und hatten dort 2 wunderschöne Jahre. Die Kultur und die Natur sind wirklich wundervoll, wir haben so viel Input in der Zeit in Österreich bekommen (im Camper natürlich auch). Die Kinder haben das Ski fahren gelernt, Wandern, die Natur erkunden, die Geschichte und all die Bräuche. Wir haben natürlich auch Kontakte & Freunde in Österreich gehabt, allerdings nicht in dem Maße, wie wir uns das wünschten. 

Wenn man sich bewusst für Homeschooling entscheidet, bedeutet es, viel Zeit für und mit der Familie zu verbringen, was wunderschön ist und dennoch auch anstrengend. Deshalb erschien es uns umso wichtiger, diesen Weg mit Gleichgesinnten zu gehen. 

Mann muss dazu sagen, das es Länder gibt in denen Homeschooling eine lange Tradition hat und somit auch mehr öffentliche Einrichtungen und ein gewisser Support vorhanden sind. Homeschooling ist dort eine Option und kein unglücklicher Umstand, der durch Corona entstanden ist. England oder Dänemark haben eine solche, lange Traditionen im Homeschooling und deswegen auch eine andere Erfahrungen damit. 

Es gibt grundsätzlich nicht viele Länder auf der Welt in denen Homeschooling nicht möglich ist, Deutschland ist eines der ganz wenigen Länder, in denen es eine Schulpflicht gibt, sprich, die Kinder eine Anwesenheitspflicht in der Schule haben. 

Homeschooling

Letztes Jahr im September sind wir dann genau deswegen, nach Dänemark gezogen.

Hier haben wir uns für einen bestimmten Ort entschieden, an dem viele Familien leben, die sich bewusst für den Homeschooling Weg entschieden haben. Familien aus Deutschland, Österreich, Holland und Schweden und natürlich auch aus Dänemark…eine großartige Mischung!

In das Homeschooling sind wir also Stück für Stück hinein gewachsen, es ist ja eine Entwicklung, die mit den Kindern einhergeht und die Entwicklung haben wir mit unseren Kindern gemeinsam gemacht. Dieser Weg fühlt sich für uns natürlich an und im Moment kann ich mir auch keinen anderen für uns vorstellen.

Es ist aber auch eine ganz andere Geschichte, wie das durch Corona bedingte Homeschooling, denn die Eltern und Kinder mussten von heute auf morgen in diese Rolle schlüpfen. Es ist keine bewusste Entscheidung, wie bei uns und das Homeschooling muss unter schwierigen Bedingungen in der Familie ausgeübt werden. 

Uns ist wichtig, dass unsere Kinder nach ihren Interessen lernen dürfen, denn dann fällt das Lernen auch viel leichter und es geschieht mit Spaß und Begeisterung.

Unsere große Tochter Marit (10 Jahre) lernt gerade total gerne Englisch und Dänisch und die Freude am Lernen ist so groß, dass es mit einer Leichtigkeit passiert und die Entwicklung ganz deutlich für mich zu erkennen ist. Eben auch durch die neue Situation mit internationalen Freunden, ist Sprache momentan sehr im Fokus, damit sie sich verständigen können. 

Unsere mittlere Tochter Anni (7 Jahre) lernt gerade Lesen und Schreiben. Sie fängt an, erste Bücher zu lesen und es ist für mich eine unglaublich schöne und lebenserfüllende Aufgabe sie darin zu begleiten. Ich versuche dabei nicht die Lehrerrolle einzunehmen, vielmehr möchte ich Mama sein und sie dabei unterstützen und begleiten, ähnlich wie es in einer Freien Schule der Fall ist. 

Ein typischer Tag im Homeschooling

Unsere Mädels sind Langschläfer und daran ändere ich auch nicht wirklich etwas. Morgens gegen 8 Uhr wecke ich sie aber spätestens. Vorher ist ganz selten jemand wach. Für uns ist es enorm wichtig den Tag mit möglichst wenig Stress zu starten. 

Erstmal frühstücken wir ganz ausgedehnt und gemütlich, denn nichts geht über einen entspannten Start in den Tag. Danach treffen wir uns alle gegen halb zehn am großen Esstisch im Wohnzimmer. An diesem Tisch spielt sich eigentlich der ganze Tag ab, er ist der große Mittelpunkt in unserem Alltag. Ich schaffe eine gemütliche Atmosphäre, stelle einen kleinen Snackteller auf, stelle Tee oder Wasser bereit oder zünde an dunklen Tagen Kerzen an. Außerdem lege ich benötigte Materialien, wie Stifte, leere Blätter und eine Anlauttabelle bereit. Eigentlich alles, was aktuell von den Kindern benötigt wird. Das Ganze schaut dann so aus, wie eine schöne Einladung zu einem Spiel.

Dann schau ich mit den Mädchen gemeinsam mit welchen Themen sie/wir sich/ uns beschäftigen wollen, Arbeitshefte, an einer Geschichte weiterschreiben, Lern App, lesen usw.,

Ich bin natürlich auch die ganze Zeit dabei und stehe für Fragen bereit. Unsere Lernzeit am Tisch beträgt c.a. 2 Stunden, je nach Kind variiert es etwas.

Unsere Kleinste malt dann oft in dieser Zeit auch am Tisch oder spielt ganz in unserer nähe mit Bausteinen oder Holztieren. Ich versuche die ganze Zeit über für eine ruhige Umgebung zu sorgen. 

Diese zwei Stunden dienen den Basics und sind nur ein Teil unseres Homeschooling Alltags. Marit turnt momentan an einem Vertikal-Tuch und lernt das Klavierspielen. Anni hat sich ebenso angesteckt und so spielen sie gemeinsam am Klavier und kommen mit der Musikgeschichte in Kontakt.

Und wenn sie mal keine Lust haben…?

Solche Tage gibt es natürlich auch, ganz normal. Wer hat schon immer Lust?

Manchmal schiebe ich dann die Lernzeit etwas nach hinten oder ich greife ein interessantes Thema auf der Lern App auf, wie Biologie, Sachkunde oder Geographie. Dort schauen sie sich Videos mit anschließenden Aufgaben an, das ist oft eine gute Alternative für sie.

Wenn mal gar nichts geht, dann hilft es einfach nur rauszugehen in die Natur, danach sind oft alle wie ausgewechselt.

Manchmal kommt es vor, dass ich nur mit unserer großen am Tisch sitze und die beiden Kleinen spielen und oft passiert es auch, dass Anni dann von ganz alleine kommt und sich dann ein Arbeitsheft schnappt und mit uns mitmacht. Ich versuche da so wenig wie möglich Druck auszuüben, denn das macht den Spaß am Lernen oft kaputt. 

Homeschooling ist auch, etwas zu backen oder zu kochen, Klavier spielen, sowie im Garten Beete anlegen, Hochbeete bauen, in den Wald gehen, Bäume kennenlernen. Homeschooling muss nicht immer nur am Tisch stattfinden, Abwechslung ist absolut wichtig, denn wer lernt schon gerne stupide?

Wo findet ihr Material?

Das ist heutzutage, in Zeiten von Google das geringste Problem.

Überall gibt es Videos, Tools, Arbeitsblätter die ausgedruckt werden können usw.

Wenn ein Kind sich für ein bestimmtes Thema stark interessiert, dann schauen wir in der Bibliothek nach geeigneten Büchern, besuchen Museen oder schauen, was es sonst noch für Möglichkeiten gibt.

Außerdem benutzen wir eine Lern App, Sprach Apps für Englisch und Dänisch, Arbeitshefte nach Klassenstufe, Dokumentationen, Bücher etc.

Hier in Dänemark gibt es wie schon erwähnt eine große Homeschooling Gruppe, wo regelmäßig Treffen mit Schwerpunkten, wie Theaterbesuche, Mikrobiologie, Acro Yoga uvm. stattfinden. Eine wirkliche Bereicherung und große Inspiration für Groß und Klein.

Wir sind inzwischen ein Homeschooling Team, so organisieren wir uns.

Ich übernehme den hauptsächlichen Part des Homeschoolings, da Henning in der Woche arbeitet, zwar von zu Hause aus, dennoch hat er in der Woche selten die Möglichkeit mich dabei groß zu unterstützen. Er macht dafür Projekte mit den Kindern, wie einen Hasenstall oder Hühnerhaus bauen, Baumhaus bauen ect. Außerdem lernen Marit und Henning gemeinsam Gitarre spielen. Das finde ich auch unglaublich wertvoll, solche Schritte gemeinsam mit dem eigenen Kind zu erleben. Gemeinsam lernen, kann unglaublich viel Spaß machen, nicht nur die Kleinen lernen von den Großen, auch umgekehrt ist es genauso möglich und passiert vor allem, wenn man seinen Kindern auf Augenhöhe begegnet! Für Henning und mich ist es total o.k. so, keiner von uns fühlt sich benachteiligt oder hat das Gefühl irgendwie zu kurz zu kommen mit dem was er macht. Henning räumt mir auch für meine Projekte, wie ein Kochbuch schreiben oder Instagram Tätigkeiten, Zeit ein. 

Unter der Woche fahre ich oft mit den Mädels am Vormittag zu den Aktivitäten oder Homeschooling Treffen, am Nachmittag übernimmt auch Henning manchmal diesen Part und fährt mit ihnen zum Turnen oder was auch immer ansteht. Oder wir sind am Nachmittag als Familie zusammen unterwegs.

Sollen sie irgendwann mal eine Schule besuchen?

Sobald ein Kind den Wunsch äußert, in die Schule zu gehen, werden wir es auch auf diesem Weg unterstützen und ihm zur Seite stehen, wie in allen anderen Situationen auch.

Homeschooling ist jedoch für uns keine vorübergehende Situation und Schule ist in unseren Augen nicht nur die einzige Option auf Bildung, das ist in Deutschland so, aber nicht im Rest der Welt, wo Homeschooling eine Form der Bildung darstellt. Sie haben Zugang zu Bildung und können einen Abschluss machen. Es ist eine andere Form der Bildung und wir sehen mit dem Älterwerden der Kinder, wie sie sich ihren Interessen widmen und sie voll und ganz aufsaugen, sich ihnen hingeben und genau darum geht es bei diesem Lernkonzept, sie sollen die Zeit und die Möglichkeit haben, sich ihrer Persönlichkeit entsprechend zu entwickeln und ihre Interessen auszuleben. Es gibt tolle, freie Schulen die ähnliche Konzepte verfolgen. Wir haben schon 2 mal eine freie Schule in Italien, in Südtirol besucht, weil sie eine Option wäre. Die Kinder können dort mit Begleitern auch ihre Interessen verfolgen, eben nur unter dem Dach einer Schule. 

Wie unterscheidet sich Homeschooling in Deutschland zu Homeschooling in Dänemark?

Da gibt es ganz große und grundlegende Unterschiede. In Dänemark ist Homeschooling erlaubt und in Deutschland verboten…abgesehen von der jetzigen Situation, die durch Corona herbeigerufen wurde.

In Dänemark ist es jeder Familie erlaubt, Homeschooling zu praktizieren. Einmal im Jahr gibt es dann ein Tilsyn, wo jemand verantwortliches (momentan macht es die Schule) zur Familie nach Hause kommt und es wird dann geschaut, wie es dem Kind geht, ob es Zugang zu Bildung hat, Fortschritte gemacht werden in der Entwicklung und wie der gesamte Eindruck des Kindes ausschaut. Es werden aber keinerlei Tests oder ähnliches durchgeführt. Dadurch ist eine individuelle und auf die des Kindes abgestimmte Bildung möglich, was ich als großen Pluspunkt sehe. Jede Homeschooling Familie gilt als eigene Schule. Sollte der Eindruck vom Kind nicht gut sein (das Kindeswohl ist gefährdet) oder die Möglichkeiten zum Lernen nicht gegeben sein, ist es auch hier so, dass das Kind eine Schule aufsuchen muss. 

Wir lernen nicht nach Lehrplan, zwar schreibe ich jedes Jahr, die jeweiligen Ziele der Kinder auf und wir orientieren uns nach dem Lehrplan der Waldorfschule, doch es passiert oft, dass sich im Laufe des Jahres ganz neue Ziele durch eine ständige Entwicklung bilden, wie jetzt, die dänische Sprache und Klavierspielen neu dazugekommen sind. Wir halten nichts dogmatisch fest, alles kann, nichts muss.

Größter Wunsch für unsere Kinder.

Eine Kindheit voller Magie und Zauber, Akzeptanz für sich sowie auch für andere. Den Mut haben, sich in allem auszuprobieren, was ihnen vorschwebt. Vertrauen und Liebe in diese Welt zu haben. Liebevolle Menschen, die sie im Leben immer begleiten.

Dass sie weiterhin, ihren Intuitionen und Interessen folgen und Begeisterung erfahren.